Klassische Tragödie mit Puppen
CELLE. Der thebanische König Kreon hält den im Kampf gefallenen Polyneikes für einen Vaterlandsverräter und untersagt die rituelle Bestattung. Die Schwestern des Toten reagieren unterschiedlich: Während Ismene aus Furcht das Verbot einhalten will, setzt sich Antigone darüber hinweg und wird prompt ertappt. Kreon muss nun ein Exempel statuieren – eine heikle Angelegenheit, zumal Antigone nicht nur seine Nichte, sondern auch die Geliebte seines Sohnes Haimon ist.
So weit, so bekannt. Doch wenn am kommenden Freitag die klassische Tragödie von Sophokles in der Kleinen Residenzhalle Premiere hat, ist mit ein paar Abweichungen vom Standard zu rechnen. So gibt es zum Beispiel keinen herkömmlichen Chor, ohne dass allerdings dessen Texte völlig aus der Inszenierung verschwunden wären. Und vor allem werden außer Schauspielern auch Puppen auf der Bühne zu sehen sein.
„Das erweitert die Palette der Möglichkeiten“, erläutert Regisseur Benjamin Westhoff die ungewöhnliche Entscheidung. Ein Darstellerquartett übernimmt die Rollen der Königsfamilie, zwei Akteure führen zusätzlich Puppen. Es sind deren drei, in unterschiedlichen Größen, was natürlich auch unterschiedliche Spielformen erfordert: Der Sekretär ist eine Handpuppe, der Seher Teiresias misst gute 70 Zentimeter, und der überlebensgroße Wächter muss im wahrsten Sinne des Wortes verkörpert werden.
Dass der Wächter den König größenmäßig übertrifft, mag irritieren, kann aber begründet werden. Zumindest stiehlt er dem Herrscher die Schau, wenn er im Wissen, dass Überbringer schlechter Nachrichten eine gefährdete Spezies sind, Girlanden schwatzt und damit den ganzen Laden aufhält. Was übrigens einen gewissen Humor hat: „Den wollen wir auch keineswegs aus dem Abend heraushalten“, bestätigt Westhoff.
Überhaupt soll’s nicht eindimensional zugehen. Kreon der selbstherrliche Despot, Antigone die mutige Vertreterin des zivilen Ungehorsams: Das wäre dann doch etwas zu einfach. „Kreon ist kein gedankenloser Machtmensch“, betont der Regisseur. „Aber er glaubt, er könne es sich nicht leisten, als Schwächling dazustehen.“ Claudia Frost wiederum, die Darstellerin der Antigone, hat ihren Texten nicht nur positive Züge entnommen: „Sie hat auch etwas sehr Selbstgerechtes.“
Die Ismene spielt Birte Hebold, die außerdem zwei der Figuren führt – diesen Begriff hören Akteure des Genres meist lieber als „Puppen“, weil sie nicht in Verbindung mit putzigen Kasperle-Trivialitäten gebracht werden wollen. Die beiden herausragenden deutschen Hochschulen für dieses Fach setzen verschiedene Schwerpunkte, die in Celle zusammenkommen: Maik Evers hat in Stuttgart studiert, wo der Anteil der bildenden Kunst einen höheren Stellenwert hat – folgerichtig spielt er nicht nur Haimon, sondern kümmert sich auch ausgiebig um die Gestaltung der Figuren. „Das liegt mir gar nicht“, sagt Birte Hebold. „Bei uns in Berlin stand mehr das darstellende Spiel im Vordergrund.“
Witzigerweise scheinen die beiden Damen einigermaßen gegen das Temperament besetzt.
In der obrigkeitsgläubigen Ismene kann sich Hebold nur bedingt wiederentdecken („Ich könnte den Mund nicht halten“), während Claudia Frost privat kaum den Trotzkopf heraushängen lässt: „Ich wünsche mir manchmal, ich könnte mein Empfinden für Ungerechtigkeiten so zum Ausdruck bringen wie Antigone. Aber ich neige eher dazu, alles mit mir selbst abzumachen.“
Jörg Worat, cellesche Zeitung vom 18. Februar 2012
Eine Frage des Gewissens
Die Kleine Residenzhalle ist nicht zuletzt die Bühne für Experimente des Schlosstheaters. Ein besonders interessantes Beispiel war jetzt bei der Premiere der „Antigone“ von Sophokles zu beobachten – spannend, aber auch riskant.
Der Stoff ist Jahrtausende alt, das Thema aktuell wie eh und je: Soll man sich auch dann stets an die Buchstaben des Gesetzes halten, wenn die innere Stimme widerspricht, mag man sie nun Gottesglaube nennen, Moral oder Gewissen? Für Antigone eine klare Sache – sie bestattet den im Kampf gefallenen Bruder Polyneikes, obwohl der thebanische König Kreon eben dies verboten hat, weil er den Toten für einen Vaterlandsverräter hält. Auf frischer Tat ertappt, zeigt sich Antigone, delikaterweise die Nichte Kreons und die Verlobte seines Sohnes Haimon, alles andere als einsichtig. Das Unheil nimmt nun endgültig seinen Lauf, am Schluss wird es gleich mehrere Leichen zu beklagen geben.
Ausstatterin Christina Huener hat eine dreiteilige Bühne entworfen. Das Reich Antigones ist im Wesentlichen ein nicht gar zu schickes Sofa, dasjenige Kreons ein ebenso schlichtes wie imposantes Portal. In der Mitte bildet eine Arena den Ort, wo sich die Konflikte zuspitzen, mitsamt einem umgestürzten Kühlschrank, der unter anderem zu Antigones Grabgewölbe wird. Die Kostüme sind heutig, und eher zeitgemäß wirkt auch der Sektkonsum, gepflegt besonders von Ismene, die nachher ganz schön einen im Kahn hat – kein Wunder, fühlt sie sich doch zwischen Pflichtbewusstsein, Angst und Liebe zur Schwester Antigone hin- und hergerissen.
Der spektakulärste Einfall von Regisseur Benjamin Westhoff ist die Einbindung von professionellem Figurenspiel. Maik Evers, der Darsteller des Haimon, schlüpft auch in die Maske des überdimensionalen Wächters beziehungsweise Boten. Birte Hebold, hauptsächlich als Ismene zugange, führt außerdem die mittelgroße Figur des Sehers Teiresias und streift die Handpuppe über, die für den Sekretär steht.
Das hat einen ausgeprägten Zauber und birgt zugleich eine große Gefahr. Die von Esther Falk gestalteten Figuren sind phantastisch, insbesondere der Wächter mit seiner leicht morbiden Ausstrahlung, und sie werden gekonnt bedient. Doch die Abstraktionsebene muss hier haarfein erwischt werden, und das gelang bei der Premiere (noch) nicht immer. Dann wurde der Sprachduktus punktuell doch etwas zu künstlich, und den Puppensekretär während eines Dialogs zwischen Kreon und Haimon im Hintergrund eine kleine Show über einem Schachbrett abziehen zu lassen, ist schon fast ein Stockfehler: Erstens lenkt es ab, und zweitens entsteht der Eindruck des Drolligen, an dem hier niemand ernsthaft gelegen sein kann.
In ihren Rollen als Ismene und Haimon agieren die Figurenspieler sehr solide, Hebold könnte allerdings etwas sparsamer in der Andeutung von Gestik sein. Schön, dass die beiden Hauptfiguren nicht plakativ angelegt sind und facettenreich dargestellt werden. Claudia Frost ist als Antigone zugleich mädchenhaft, verbohrt und anrührend, während Matthias Windes Kreon keineswegs nur als Unsympath über die Rampe kommt – hier steht ein Mensch, der sich um die Macht nicht gerissen hat und nun zwischen Blutsbande und politischem Kalkül entscheiden muss.
Ein weiterer Pluspunkt ist die überwiegend stimmungsvolle Musik von Jens Rathfelder. Nach rund 75 Minuten viel Beifall. Man kann seine Zeit gewiss erheblich sinnloser verbringen als mit diesem Theaterbesuch.
Jörg Worat, Cellesche Zeitung vom 27. Februar 2012
Mythos vom Wer-, Wes- und Wemwolf
Die Kinder im Kulturbistro „Kunst & Bühne“ haben es sich auf dem Fußboden mit Decken und Kissen gemütlich gemacht. Auf dem kleinen Podest vor ihnen summt jemand leise ein Lied vor sich hin. Sonst ist es Mucksmäuschen still. Dann wird es dunkel im Raum. „Hunger“ brummelt es von der Bühne, und man hört den Magen der jungen Schauspielerin dabei förmlich knurren. Die Produktion des Figurentheaters „Eigentlich“ mit Birte Hebold als Darstellerin und gleichzeitig Puppenspielerin heißt „Alle seine Entlein“ und ist für Kinder ab drei Jahren gedacht. Und wo eine Ente ist, befindet sich auch ein Fuchs. Aber das ist für Birte Hebold kein Problem. Aus ihrem roten Mantel formt sie blitzschnell einen Fuchs und aus einem Stückchen Federboa mit roter Wäscheklammer oder einem trockenen Brötchen wird zur Freude der Kinder ein kicherndes Küken, das nur spielen will, den Fuchs seinen „Papa“ nennt und selbst in der Pfanne nicht stillsitzen kann. Das ist inhaltlich unkompliziert, hat Charme und jede Menge Witz, reizt die Fantasie der Kinder mit zahllosen Ideen und bringt auch die Erwachsenen zum Lachen. Hinzu kommt Birte Hebolds ausgeprägtes mimisches Talent und ihre Fähigkeit, Geräusche zu imitieren. Da ploppt im Wasser ein Fisch, die kleinen Enten piepsen und im Baum, der eigentlich ein Reisigbesen ist, zwitschert „behände“ ein Vogel. Ein beglückender Nachmittag für Kinder und Eltern.
Da ist die Produktion der „Gruppe K“ aus Stuttgart mit Maik Evers, Katharina Muschiol und Stefan Wenzel am frühen Abend im „Bunten Haus“ der CD-Kaserne sehr viel ernster. Auch wenn die Puppen hier nur eine untergeordnete oder ergänzende Rolle spielen. Um „Wölfe“ geht es, um den Wer-, Wes- und Wemwolf, um ihren Mythos, um Rotkäppchen in gar nicht märchenhafter Form und um dunkle Mondnächte, in denen die Wölfe endlos heulen und „Blue Moon“ singen. Richtig ungemütlich wird es, wenn der Jäger naht oder wenn man sein Revier verteidigt. Da gerät man sich schon mal heftig in die Haare. Viel Fell wird an- und aus- und umgezogen, eine E-Gitarre jault und Winde wehen. Irgendwie scheinen in uns allen Wölfe zu stecken. Sei kein Schaf, sonst wirst du gefressen. Der Wolf ist überall. Sogar in deiner Hosentasche. Das alles hat Biss, aber auch Längen, optische Reize, aber auch inhaltliche Schwächen, und was insgesamt nett anzusehen ist, kommt trotz allen Engagements der Darsteller mit einem guten Schuss Humor über gute Unterhaltung kaum hinaus. Aber vielleicht wollte man ja auch gar nicht mehr. Der Beifall am Schluss war stark.
Hartmut Jakubowsky, Cellesche Zeitung vom 6. März 2012