Baumeister Solness überzeugt
CELLE. Wer hätte das gedacht: Nach der schwachen letzten Premiere des Schlosstheaters auf der Hauptbühne nun eine Aufführung von einem solch hohen Niveau, dass manch namhaftes Haus sich glücklich schätzen könnte ob dieses „Baumeister Solness“. Ina-Kathrin Korff ist im fast die ganze Residenzhallenbreite einnehmenden Bühnenbild von Susanne Thaler eine enorm starke und in sich geschlossene Aufführung des Ibsen-Stücks geglückt, bei der man wegen des Gesamtniveaus durchaus über gelegentlich unlogische oder ästhetisch nicht zusammenpassende Elemente hinwegsehen konnte.
Korff hat bis auf Frau Solness sämtliche Rollen, insbesondere auch die des Baumeister Solness, altersgemäß besetzt. Das mag selbstverständlich klingen, ist es aber nicht. Man denke nur an die in Mode gekommenen Besetzungen mit jungen Darstellern für Figuren höheren Alters. Bühnenbildnerin Thaler hat einen wunderbar variablen Raum entwickelt, der offen, also ohne Portal, verschiedenste Spielmöglichkeiten bietet. Und er verbindet als scheinbar realistische Bühnenarchitektur ideal Innen und Außen, lässt dabei Raum für Symbole, verwendet diese aber nur dezent.
Das Wichtigste aber: Korff hat die Figuren allesamt in einer enormen Vielschichtigkeit gezeigt und dabei einige Schauspieler zu einem Spielniveau motiviert, das man in Celle in der Regel nicht erwarten kann. Ganz besonders gilt dies für Sibille Helfenberger als Hilde Wangel, der man ihre Mischung aus verführerischer Jugendlichkeit, Wahnwitz, Anmaßung und Natürlichkeit wie selbstverständlich abnahm. Bis auf ganz wenige Momente gegen Ende des Stückes gelang ihr eine Glaubwürdigkeit, die es nachvollziehbar machte, warum Solness so handelte, wie er handelte.
Und dieser Solness des Wolf Aniol war kein eindimensionaler Egomane, zu dem er oft verhunzt wird, sondern eine zutiefst zerrissene, in sich brüchige Gestalt mit guten wie schlechten Seiten. Dass Aniol es sogar gelang, Extreme auszuspielen, ohne die innere Balance der Figur zu verlieren, das war höchst erlebenswerte Kunst, wenngleich ihm manchmal in Ausbrüchen ein bisschen zu viel Pathos in die Darstellung gerutscht ist.
In den kleineren Rollen gab es keine Ausfälle. Der alte Brovik des Werner H. Schuster hatte bewegende Minuten, als er gegenüber seinem Chef Solness sein Anliegen zu formulieren suchte. Es ging ihm dabei um die an Solness zu zerbrechen drohende Karriere seines Sohnes Ragnar, der, gespielt von Daniel Brockhaus eher blass blieb, was aber durchaus zur Rolle passte. Petra Friedrich als Frau Solness tat sich anfangs unter arg viel Schminke schwer, mehr als maskenhaft zu wirken, gewann aber im Laufe des Abends zunehmend an Glaubwürdigkeit und Tiefe. Der etwas befremdlich angezogenen Buchhalterin der Kathrin Ost nahm man das so besondere Verhältnis zu ihrem Chef zwar nicht recht ab, trotzdem aber funktionierte ihre Rolle im Gesamtgefüge genauso gut wie diejenige Robert Tillians als Arzt, der aus einer undankbaren Rolle das Beste machte. Insgesamt war die Aufführung so voller Feinheiten und Details, dass man sie sich durchaus mehr als einmal ansehen kann. Der ganze Abend geriet zu einem überzeugenden Plädoyer für ein Theater, in dem Autor und Schauspieler im Mittelpunkt stehen.
Reinald Hanke, Cellesche Zeitung vom 14.11.2011
Vom Unglück, erfolgreich zu sein
Schloss Celle thront auf einem Birkenstamm. Das Modell des Welfenpalasts scheint förmlich emporzuwachsen aus der weißen Bühne, die von einer modernen, großbürgerlichen Designerwohnung beherrscht wird. Kühle Eleganz prägt das Interieur.
Das Schlosstheater Celle hat Henrik Ibsens „Baumeister Solness“ in die Jetztzeit übertragen. Halvard Solness arbeitet am Laptop und ruht in hypermodernen Sitzschalen. Doch rohe Birkenstämme durchbrechen die Designerwelt symbolträchtig, und eine mit einer Puppe besetzte Schaukel erinnert inmitten all der Künstlichkeit an die offene Wunde im Leben des kinderlosen Baumeisters und seiner Frau. Schloss Celle ist bei all dem nur Bild von einem Luftschloss. Das Schlosstheater-Ensemble spielt nach wie vor in der Residenzhalle auf einem früheren Kasernengelände. Die Schlosstheaterbühne befindet sich noch im Umbau.
Um Bauprojekte geht es diesmal auch im Stück. Baumeister Solness, ein Mann auf dem Höhepunkt seiner Karriere, ist dabei, sich ein neues, schickes Haus zu bauen. Drei Kinderzimmer sollen dazugehören. Dabei sind die Zwillinge des Baumeisters schon im Babyalter gestorben, und Solness hat keinerlei Hoffnung, jemals wieder Vater zu werden. Das ist nicht sein einziges Problem: Der alte Herr ist zwar erfolgreich, aber auch sehr unglücklich – getrieben von der Angst, von der Jugend vom Sockel gestoßen zu werden; beseelt von Schuldgefühlen gegenüber seiner Frau und dem quälenden Empfinden, sein Lebensglück der Karriere geopfert zu haben. Plötzlich aber erscheint die junge Arzttochter Hilde, die ihn anhimmelt und neuen Schwung in sein verkorkstes Leben bringt. Auch in diesem Stück beweist Ibsen sich als „Freud des Nordens“, indem er die Lebenslügen des Bürgertums ausleuchtet und mit eigenen Abgründen ins Gericht geht. Das Schlosstheater hüllt dieses 1892 uraufgeführte Seelendrama in einer Fassung von Peter Zadek und Gottfried Greiffenhagen in ein zeitgemäßes Gewand, ohne die Geschichte zu vernachlässigen. Regisseurin Ina-Kathrin Korff verzichtet konsequent auf Effekte und Showeinlagen und setzt ganz auf ihre Darsteller.
Zu Recht. Dem Publikum in der Residenzhalle wird erstklassiges Schauspielertheater geboten: eindringlich und psychologisch ausgefeilt. Besonders überzeugend verkörpert Wolf Aniol die Titelfigur. Der Gastdarsteller, der bereits an der Berliner Schaubühne glänzte, lässt unter der Maske des höflich heiteren Fieslings und beherrschten Charmeurs immer wieder Angst und Verzweiflung aufblitzen und liefert mit sparsamen Mitteln und ganz unprätentiös eine fesselnde Charakterstudie – subtil und tiefgründig. Ein Erfolgsmensch, der in Wirklichkeit müde und ausgebrannt ist. In erfrischendem Kontrast dazu steht Sibille Helfenberger als Hilde Wangel: eine junge Dame mit Rucksack und Wanderstock, die vor Temperament und Unbekümmertheit nur so strotzt.
Auch die anderen beiden Frauenfiguren sind klar konturiert: Petra Friedrich spielt Aline Solness mit Hochfrisur und Stöckelschuhen als vornehme und zugleich verkniffene Baumeisterfrau mit depressiven Zügen, und Kathrin Ost beeindruckt als ängstlich devote Buchhalterin.
Kurz: Die Celler zeigen, dass man ein Publikum auch ohne Brimborium begeistern kann. Applaus.
Heinrich Thies, HAZ vom 15.11.2011