Spiel um Ehrlichkeit und Illusion
Harten Stoff bietet das Schlosstheater an: Das Psycho-Duell „Das Interview“ von Theodor Holman und Theo van Gogh ist nichts für zimperliche Gemüter. Am 20. Januar um 20 Uhr läuft in der Kleinen Residenzhalle die Premiere, die CZ hörte sich während der Proben schon mal um.
Der politische Redakteur Pierre ist stinksauer: Der Rücktritt der niederländischen Regierung steht bevor, und gerade an diesem Tag muss er das TV-Sternchen Katja interviewen. Im Gespräch macht Pierre aus seiner Verachtung denn auch keinen Hehl, doch hat er sein Gegenüber mächtig unterschätzt – es kommt zu einem verbalen Krieg, der immer grausamere Formen annimmt.
Theo van Gogh verfilmte die Geschichte 2003, ein Jahr vor seiner Ermordung, nach einem Drehbuch von Theodor Holman und Hans Teeuwen. Die in Celle verwendete Bühnenfassung stammt von Stephan Lack. Eine zweite, wahrscheinlich sogar bekanntere Verfilmung mit Sienna Miller und Steve Buscemi kam 2007 heraus.
Der Stoff hat seine tückischen Seiten, und eine davon ist, dass man nie so recht weiß, ob die beiden Protagonisten nun gerade die Wahrheit sagen oder nicht. „Dieser Eindruck soll für das Publikum auch erhalten bleiben“, sagt Regisseurin Krystyn Tuschhoff, die zum ersten Mal in Celle inszeniert. „Wir selbst brauchen schon eine Grundlage, welche der Episoden wir für glaubwürdig halten. Die hat während der Proben allerdings schon mehrfach gewechselt.“
Das Spiel um Ehrlichkeit und Illusion soll sich auch im Bühnenbild von Sandra Materia widerspiegeln: „Das ist zwar im Prinzip eine Wohnung, aber mit Verfremdungen“, erläutert Tuschhoff. „Die Küche ist zum Beispiel eine Puppenküche, die man andererseits durchaus benutzen kann.“
Eine der inhaltlichen Ebenen handelt von Projektionen und Selbstwahrnehmung, was dadurch, dass beide Figuren aus der Medienlandschaft stammen, einen zusätzlichen Reiz bekommt. „Manchmal benutzt man es ja auch, wie andere einen sehen“, meint Julia-Desirée Malkowski, die Darstellerin der Katja, und hat auch gleich ein Beispiel parat: „Die Kleine-Mädchen-Rolle, nach der Reifenpanne am Straßenrand stehen und hilflos dreinschauen.“ Ist das denn tatsächlich passiert, und hat’s funktioniert? „Ja, sehr gut sogar …“
Der Politredakteur und das Starlet scheinen wie Feuer und Wasser zu sein, und doch gibt es ein paar Momente, wo sie sich sehr nahe kommen. „Ich glaube“, sagt Thomas Wenzel, der den Pierre spielt, „dass hier und da nur der richtige Schalter umgelegt werden müsste, und es könnte sich eine engere Beziehung entwickeln.“ Stattdessen entwickeln beide immer gemeinere Mechanismen, um sich fertig zu machen, und obwohl am Schluss jemand zu triumphieren scheint, ist das doch eher das Paradebeispiel für einen Pyrrhussieg.
Die Sprache wird zwischenzeitlich sehr derb, und wenn Kriegsberichterstatter Pierre von seinen Erlebnissen erzählt, nimmt das schon mal äußerst krasse Formen an. Wie ist man bei den Proben damit umgegangen? „Wenn wir den Eindruck hatten, dass es Selbstzweck wird, haben wir die Passagen herausgenommen“, sagt Regisseurin Tuschhoff. „Aber manchmal sagt diese Sprache ja auch etwas über die Figuren aus.“ Fazit also: Man kann auf einen spannenden Theaterabend hoffen, ein gemütlicher indes steht wohl kaum ins Haus.
Jörg Worat, Cellesche Zeitung vom 13. Januar 2012
Katz-und-Maus-Spiel um Gefühle
Pierre Peters ist ehemaliger Kriegsberichtserstatter. Doch als der Journalist den Auftrag erhält, ein Gespräch mit dem Filmsternchen Katja zu führen, hat er sich wohl kaum träumen lassen, dass er gerade dort die ultimative Schlacht erleben wird. Das Psycho-Drama „Das Interview“ von Theodor Holman und Theo van Gogh, Bühnenfassung Stephan Lack, hatte in der Kleinen Residenzhalle Premiere.
In dieser bereits zweimal verfilmten Geschichte wird nicht mit Waffen, sondern mit Worten gekämpft. Letztlich scheint auch jemand den Sieg davonzutragen, doch stellt sich die Frage, ob dieses Duell nicht ausschließlich Verlierer kennt, ja, ob die so unterschiedlichen Kontrahenten nicht von vornherein ihr gesamtes Leben verpfuscht haben.
Auf die eine oder andere Weise ferngesteuert sind sie beide. Zu Pierres Aufgaben gehört die Suche nach der großen Story, und um so genervter ist er, der einst an den Krisenherden der Welt zugange war, sich mit einer Schauspielerin auseinandersetzen zu müssen, die üblicherweise eher mit ihrer Oberweite und der Frage, wie dieselbe zustande gekommen ist, in den Schlagzeilen landet. Dass sie immer auf eben dieses Themenspektrum reduziert wird, verletzt wiederum Katja, und wenn nun ein arroganter und unvorbereiteter Schnösel von Journalist in ihrer Wohnung sitzt, kann das ihre Begeisterung nicht steigern.
Keine guten Voraussetzungen für ein gesittetes Interview. Das findet denn auch gar nicht statt, vielmehr beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel um echte Gefühle und falsche Rollen, um Verletzungen, Sehnsüchte und Verluste. Manchmal kommen sich die beiden dabei sehr nah: „Narben erkennen einander“, lautet ein Satz, der gleich mehrfach fällt. Dann wiederum ist man nur noch damit beschäftigt, das Gegenüber zu vernichten. Erschwerend kommt hinzu, dass hier Medienprofis aufeinanderprallen, die wissen, wie bestimmte Effekte zu erzielen sind: Welche von all den tiefgründigen Selbstentblößungen sind eigentlich wahr und welche erfunden?
Regisseurin Krystyn Tuschhoff hat den schwierigen Stoff schlüssig strukturiert. Der Abend entwickelt einen gewissen Sog: Mag man die Figuren nun, verabscheut man sie, hat man Mitleid? Oder alles zugleich? Nach etwa zwei Dritteln hat die rund 80-minütige Vorstellung einen Durchhänger, wenn die Handlungen der Figuren nicht mehr immer klar motiviert scheinen – das ist aber weniger der Inszenierung anzulasten als der Textvorlage, die neben brillanten Dialogen auch Leerlauf enthält.
Die zum Teil derbe Sprache fügt sich bei Tuschhoff zum grausamen Geschehen, ohne als sinnentleerte Theaterprovokation zu erscheinen. Schönes Detail, wenn Katja die Anfangsbuchstaben des Namens Pierre Peters nachgerade ausspuckt. Gelungen auch Sandra Materias Bühnenbild, das eine Reihe von Spielebenen ermöglicht und mit ein paar originellen Verfremdungen aufwartet.
Beide Darsteller überzeugen. Julia-Desirée Malkowski kann als Katja verletzlich, verletzend und vulgär sein, macht zudem deutlich, dass die Figur alles andere ist als eine oberflächliche Dumpfblondine. Thomas Wenzel gestaltet Pierre als erstklassigen Kotzbrocken, in dessen rauer Schale aber deutlich Risse erscheinen. Zu Recht ausführlicher Premierenapplaus.
Jörg Worat, Cellesche Zeitung vom 22. Januar 2012