Traumstart in Schlosstheater-Saison: Der Gute Mensch von Sezuan
Götterspeise und Michael Jackson
Traumstart in Schlosstheater-Saison: Kalle Kubik entstaubt „Der gute Mensch von Sezuan“
Der Startschuss für die neue Schlosstheater- Saison fiel am Freitag mit dem Parabelstück „Der gute Mensch von Sezuan“. Kalle Kubik inszenierte den 1943 uraufgeführten Brecht-Klassiker in der Residenzhalle ohne moralischen Heiligenschein. Mit Parodie als Mittel zur Entkrampfung hielt er das Publikum für knapp drei Stunden bei der Stange.
CELLE. Berechnung lohnt sich, Güte wird bestraft. Mit dieser schlichten „Weisheit“ hebt Bertolt Brecht in seinem Lehrstück „Der gute Mensch von Sezuan“ den Zeigefinger. Befürchtete Klassikerlangeweile kam beim Premierenpublikum in der Residenzhalle am Freitagabend jedoch nicht auf. Das Schlosstheater legte einen Traumstart in die Saison vor.
Regisseur Kalle Kubik setzt mit seiner 17-köpfigen Truppe voll und ganz auf Klarheit: Leicht verknappter Text, zeitlose, kühle Kulisse. Mit einer Buddha-Figur hier und ein paar chinesischen Schriftzeichen dort bietet Kubik den nötigen Abstand, nagelt das Stück aber örtlich nicht fest. Für den balladenhaften Unterton des Stoffes sorgt Ulrich Jokiel am Klavier mit der Interpretation von Paul Dessaus Musik.
Im Zentrum der Inszenierung steht Gabriela Lindlova. Als Shen Te gibt sie eine mildtätige Prostituierte, als Shui Ta einen knallharten Geschäftsmann. Drei Mal vollzieht die Schauspielerin diese Metamorphose und kommt dabei ohne übertriebene Zuspitzungen und Gefühlsausbrüche aus. Mit feinen Gesten – einer hochgezogenen Schulter, einer heiser-gepressten Stimme, einer Zunge, die sich nervös in die Wangengrube bohrt – markiert sie gekonnt ihr böses Alter Ego. Glanzminuten der fast dreistündigen Aufführung: eine Verwandlung von Frau zu Mann, vom Gutmenschen zum bösen, bei der sich Lindlova auf der Bühne verkleidet. Ihr intensives Spiel geht nah, wenn sie sich mit wohlaustarierter Zerrissenheit in die Verzweiflung des guten Menschen fühlt, der einsieht, dass er ohne die erfundene Figur des hartgesottenen Vetters jämmerlich zu Grunde geht.
Eine solide Leistung liefern Vladimir Pavic als der stellungslose Flieger Yang Sun und Werner H. Schuster in der Rolle des Wasserträgers ab. Sibille Helfenberger als Vertreterin des „Abschaums von Sezuan“ verleiht der Frau im Rollstuhl faszinierend hexenhafte Züge.
Am Rande glänzen Christiane Lemm, die Yangs Mutter zwischen Unsicherheit und Nervosität balancieren lässt, und Thomas B. Hoffmann, der mit latenter Ironie und amüsierter Leichtigkeit den Barbier mimt
Bei aller schauspielerischen Leidenschaft behält der Brecht-Brocken seine narrative Struktur. Kubik würzt ihn mit Komik als Mittel zur Entkrampfung. Etwa wenn die drei semiguten Götter (Tim Bierbaum, Dirk Hoener und Jürgen Kaczmarek) in eleganter statt Autorität einflößender Garderobe mit langen weißen Mänteln und silbern gefärbten Gesichtern so ganz nebenbei grüne Götterspeise löffeln oder Shin Te sich kurz an Michael Jacksons Moonwalk versucht. Die kleinen Nümmerchen lockern ohne Botschaft den Boden für Brechts unsentimentale Lyrik auf.
Etwas über das Ziel hinaus schießt dabei Petra Friedrich. Für ihre Rolle als nervige Hausbesitzerin trifft sie mit einem dauerschrillen Lachen nur einen einzigen Ton. Witzig ist das nicht. Aber das sind kleine Aussetzer einer rundum klugen Inszenierung.
Wenn es am Ende heißt: „Verehrtes Publikum, los, such Dir selbst den Schluss!/ Es muss ein guter da sein, muss, muss, muss!“, so wird nicht einzig die Erwartung an die epische Theaterkonzeption, an Brechts unkonventionelles Ansprechen des Publikum bedient. Die Frische der Inszenierung macht den Ruf des alten Theatergottes wieder lebendig. Die Aufforderung zum eigenständigen Denken wirkt in Kubiks Inszenierung alles andere als abgedroschen. Helfen oder sich durchsetzen – ein zeitloser Zwiespalt, der alle betrifft. Ein starkes Stück. Minutenlanger Applaus.
Silja Weißer, Cellesche Zeitung vom 19.9.2011