Interview mit Jan Bodinus
ACHT FRAGEN ZU ACHT FRAUEN
Der Regisseur Jan Bodinus im Gespräch mit Chefdramaturgin Carola von Gradulewski:
Wieso acht Frauen und nicht sieben?
Bodinus: Da könnte ich jetzt weit ausholen und von den acht Planeten im Sonnensystem oder der im Christentum heiligen Zahl Acht berichten, die für geistige Wiedergeburt und Glück steht. Aber nein, im Ernst: Ich denke, der Autor hat bei der Konzeption des Stückes versucht, möglichst viele spannende Konstellationen im Hinblick auf sozialen Status und Generation zu entwerfen und ist so eben bei der Personenzahl Acht gelandet. Ich selbst bevorzuge in meinen eigenen Stücken übrigens oft die Zahl Sieben und weiß auch nicht genau, warum.
Robert Thomas hat sein Theaterstück „Huit femmes“ eine Krimikomödie genannt. Wie viel Krimi und wie viel Komödie stecken in einer Geschichte, die acht Frauen und einen Mann unter einem Dach vereint?
Bodinus: Die Antwort steckt in der Frage: Stellen Sie sich einmal vor, in einem von der Außenwelt abgeschnittenen Haus mit sieben anderen Frauen und einem Mann eingeschlossen zu sein: Da gibt es keine Grenzen in Richtung Drama und Komödie.
Monsieur Marcel, der Herr des Hauses, ist zwar den ganzen Abend über nicht anwesend, aber doch erstaunlich präsent. Welche Rolle spielt er in dieser Familie?
Bodinus: In Monsieur Marcel fokussieren sich sämtliche Konflikte der Familie: Es geht um Geld, Liebe, Eifersucht, die klassischen Themen. Ohne Marcel würden die Probleme der Familie, der Frauen, nie wirklich zur Sprache kommen. Erst sein Tod wühlt dieses scheinbar stille Wasser zu einem Tsunami auf.
Agatha Christie hat es erfolgreich angewandt in ihrem Krimi „Die Mausefalle“. Auch Robert Thomas greift zu dem dramaturgischen Kunstgriff, mehrere Personen auf engs-tem Raum zusammen zu sperren. Was fördert diese klaustrophobische Situation bei den acht Frauen zu Tage?
Bodinus: Den Verdacht! Jede verdächtigt die Andere, Marcels Mörder zu sein. Dazu die scheinbar ausweglose Situation ohne Fluchtmöglichkeit. Agatha Christie war und ist noch heute für so viele Menschen der schreibenden Zunft Vorbild und Ideal. Ihre Krimis sind wirklich einmalig konstruiert. Ich habe die große Freude, ihre „Mausefalle“ im Sommer 2012 in Hannover inszenieren zu dürfen.
Das Theaterstück „Die acht Frauen“ ist in den Sechziger Jahren entstanden; seine Renaissance erlebte es im Jahr 2002 durch die Verfilmung. Der französische Regisseur Francois Ozon schuf mit seinem Film „8 Frauen“ eine Hommage an die Diven des französischen Kinos. Was war für Sie wichtig in der Auseinandersetzung mit dem Stoff?
Bodinus: Erst einmal folgende Frage: Was passiert, wenn man acht Personen in einen Raum sperrt und alle versteckten Wahrheiten langsam ans Tageslicht gezerrt werden? So ist diese Inszenierung eben nicht nur ein Krimi oder eine Komödie, sondern eben auch eine psychologische Studie über Menschen in einer extremen Situation. Darüber hinaus spielt das Stück in den fünfziger Jahren und es sind eben Frauen und keine Män-ner. Hieße das Stück „Acht Männer“, würde es in gleicher Konstellation wahrscheinlich ganz anders ausgehen. Interessant!
Wie hilfreich in der Regiearbeit mit den Schauspielerinnen ist Ihr eigener Background als Schauspieler?
Bodinus: Neben der Vision, wie eine Inszenierung in Zusammenarbeit mit Musik, Licht, Ton, Bühnenbild, Kostüm, Maske, Requisite aussehen soll, ist es natürlich hilfreich, etwas über das Handwerk Schauspielerei zu wissen. Wie soll ich denn jemandem beibringen, wie er seine Vorhand beim Tennis verbessern kann, wenn ich selbst nie Tennis gespielt habe?
Bei einem Krimi rechnet man nicht unbedingt mit einem musikalischen Leiter. Was hat es bei ACHT FRAUEN damit auf sich?
Bodinus: Jede der acht Frauen singt im Laufe der Inszenierung ein Lied oder Chanson – live begleitet von Ulrich Jokiel am Klavier. Für einen Moment steht so eine Frau alleine im Mittelpunkt, tritt aus der Geschichte und gibt dem Zuschauer auf einer zweiten Ebene Einblicke in die Motive ihrer Figur. Auch im Film wird übrigens so noch eine zusätzliche Ebene geschaffen. Darüber hinaus empfinden wir Zuschauer immer noch etwas anderes, etwas mehr, wenn Musik ins Spiel kommt. Und so werden wir an den besonders spannenden Momenten von der Musik tiefer in das Stück begleitet.
Und zum Schluss noch eine Frage à la „Hart aber fair“: Welche der acht Frauen würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen?
Bodinus: Alle oder keine. Das Ergebnis wäre das Gleiche!
Das Gespräch mit Jan Bodinus führte die Dramaturgin, Carola von Gradulewski
Mehr als nur Kriminalkomödie
Schlosstheater Celle feiert in der Residenzhalle Premiere von „Die acht Frauen“
Ein Landhaus in Frankreich zu Beginn der 60er Jahre. Hier ist mitten im Winter ein trautes Familientreffen angesagt – doch die Idylle findet ein jähes Ende, als das Dienstmädchen den gewaltsamen Tod des Hausherrn meldet. Übrig bleiben „Die acht Frauen“, und so heißt denn auch das Stück von Robert Thomas, das am 13. Januar um 20 Uhr in der Residenzhalle Premiere hat.
Offiziell handelt es sich hier um eine „Kriminalkomödie“, doch das greift für Regisseur Jan Bodinus zu kurz: „Es hat sicherlich etwas von Hitchcock und vor allem von Agatha Christie. Aber da steckt auch irgendwo eine Art Beckettscher Existentialismus drin. Ich will die Theaterbesucher vor allem unterhalten, doch mich hat zunächst diese Grundsituation interessiert: Was passiert, wenn man acht Menschen in einen Raum sperrt und den Schlüssel wegwirft?
Denn tatsächlich sieht der Text erfolgreiche Fluchtversuche nicht vor. Also belauern sich die Damen und finden heraus, dass erstens alle ein Motiv für den Mord hatten und zweitens die Gelegenheit dazu. Im Zuge der gegenseitigen Anschuldigungen bröckelt die Fassade der Wohlanständigkeit zunehmend. Bodinus will dem auch äußerlich Rechnung tragen; so soll die Guckkastenbühne zu Beginn etwas
von einem Puppenhaus haben, während die acht Damen zunächst picobello aussehen: „Das bleibt aber nicht unbedingt so. Ich mag es, wenn sich nach und nach gewisse Zeichen einer inneren und äußeren Verwahrlosung zeigen.“
Dem Regisseur schwebt eine realistische Inszenierung vor, die durchaus in der Entstehungszeit verankert bleiben soll: „Manche Motive würden sonst gar nicht mehr funktionieren, zum Beispiel das Frauenbild oder der Generationenkonflikt. Das Weltbild von jemand, der in den 10er oder 20er Jahren geboren wurde, kann man nicht einfach auf heute übertragen.“
Vom Blatt spielen will Bodinus das Stück allerdings nicht. So ist vor allem der zweite Teil spürbar gekürzt, und auf der anderen Seite hat es Zuwachs gegeben: „Aus dem Film von François Ozon haben wir ein paar schöne Dialoge übernommen.“
Und noch eine Inspiration bot der Streifen aus dem Jahre 2002 mit Catherine Deneuve, Isabelle Huppert, Emmanuelle Béart und anderen Stars: Jede der Celler Darstellerinnen wird ein Lied bekommen, live begleitet von Ulrich Jokiel am Klavier. „Zum Beispiel ,Dreimal nein‘, das ist eine eingedeutschte Fassung von ,Je ne regrette rien‘, oder ,Für mich soll’s rote Rosen regnen‘. Eine zusätzliche Ebene für die jeweiligen Charaktere.“
Bodinus macht kein Hehl daraus, dass die Probenarbeiten ihre anstrengenden Seiten hatten: „Hier muss alles sehr genau sein.“ Mit der weiblichen Übermacht will der Regisseur das allerdings nicht primär in Verbindung bringen: „Alle haben sehr gut mitgezogen. Wenn es acht Männer gewesen wären, hätte es hier und da Probleme gegeben, wenngleich wohl andere.“ Hat Bodinus sich zwischendurch doch mal etwas allein gefühlt, zumal auch Dramaturgie, Bühnenbild und Kostüme bei dieser Produktion fest in Frauenhand sind? „Ich gebe zu, es hat etwas Beruhigendes, dass wenigstens der Regieassistent den Testosteronpegel am Set ein wenig erhöht. Als er zwischendurch fünf Tage krank war, habe ich das schon gemerkt…“
Jörg Worat, Cellesche Zeitung vom 07. Januar 2012
Premiere im Schlosstheater mit Höhen und Tiefen
Neue Männer braucht das Land? Das Celler Schlosstheater braucht bei seiner jüngsten Produktion gar keine. Zumindest keine, die reden: Ulrich Jokiel durfte sich bei der Premiere in der Residenzhalle hier und da am elektronischen Keyboard austoben – ansonsten hat es seine Gründe, dass die Kriminalkomödie von Robert Thomas „Die acht Frauen“ heißt.
Monsieur Marcel ist verblichen. Allerdings scheint jemand nachgeholfen zu haben – nun belauert sich in einem französischen Landhaus ein weibliches Oktett, teils Verwandte des Opfers, teils Angestellte. Versuche, die Polizei zu benachrichtigen, scheitern: Durchschnittene Telefon- und herausgerissene Zündkabel deuten ebenso wie das verrammelte Haupttor darauf hin, dass jemand alle Damen im Haus halten will. Prompt beginnen die, sich mächtig auf die Nerven zu gehen: Wüste Beschuldigungen wechseln mit überraschenden Bekenntnissen, und die Großmutter (Anna Haack) ist dabei nicht minder involviert als das Hausmädchen (Stefanie Lanius) oder die Teenager-Enkelin (Sarah Elena Timpe, in Wirklichkeit 26 Jahre alt).
Man merkt deutlich, dass Regisseur Jan Bodinus Erfahrungen im Boulevardtheater gesammelt hat. Tempo und Timing der Inszenierung sind über weite Strecken stimmig, und auch der ungewöhnliche Aufbau – der erste Teil dauert relativ lang, während es nach der Pause sehr schnell geht – ergibt Sinn, weil so ein perfekter Cliffhanger zustande kommt.
Von Figurenzeichnung zu sprechen, ist allerdings nicht durchweg angebracht. Vielmehr scheint hier oft genug der breite Malerquast zum Einsatz gekommen zu sein: Zumindest einige der Frauen sind eher Typen als Persönlichkeiten, und psychologische Feinheiten bleiben die Ausnahme. Was sicherlich zum Teil im Stücktext angelegt ist, dessen Wendungen zudem manchmal arg konstruiert und im Einzelfall hanebüchen wirken. Dennoch will der Eindruck nicht weichen, dass die Umsetzung doch etwas mehr Tiefgang hätte herauskitzeln können. Wenn bei der durchaus originellen und genau genommen ziemlich traurigen Schlusspointe im Publikum vereinzelt gelacht wird, ist das jedenfalls kein sehr gutes Zeichen.
Die differenzierteste Figur ist noch die Hausherrin Gaby, unterkühlt und gerade dadurch wirkungsvoll gespielt von Silke Dubilier. Antje Temler als ihre Schwägerin hat ein paar hübsch biestige Momente, Kathrin Ost bringt in der Rolle der älteren Tochter einigen Schwung mit. Petra Friedrichs Darstellung der Augustine, „hässliches Entlein“ mit Hang zur Hysterie, ist extrem überzogen – hat die Regie das tatsächlich so gewollt? Publikumsliebling am Premierenabend wird Sabine Schmidt-Kirchner als Haushälterin Chanel, nicht zuletzt durch ihren kernigen Vortrag der deutschsprachigen Fassung von „Je ne regrette rien“.
Ein Lied hat jede der Darstellerinnen, die dabei recht unterschiedliche Fertigkeiten in Sachen Intonationssicherheit und Rhythmusgefühl offenbaren.
Die Handlung bietet jede Menge Enthüllungen: Seitensprünge, eine unzeitige Schwangerschaft, ein lesbisches Outing – Themen übrigens, die bei der Uraufführung im Jahre 1961 noch deutlich skandalträchtiger gewesen sein müssen als heute. Nicht nur deswegen wäre es sicher falsch, den Abend als langweilig zu bezeichnen. Allerdings ist er auch nicht wirklich mitreißend, und das mag der Grund dafür sein, dass der Schlussbeifall trotz Premieren-Bonus diesseits der Begeisterungsschwelle bleibt.
Jörg Worat, Cellesche Zeitung vom 16. Januar 2012