Ohne Netz und doppelten Boden
Ganz entschieden Theater der etwas anderen Art: Mit einem eigenartigen Text von PeterLicht bringt das Schlosstheater eine mutige Inszenierung in die Kleine Residenzhalle.
CELLE. Ein guter oder ein schlechter Theaterabend? Wenn es um die Premiere von PeterLichts Monolog „Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends“ in der Kleinen Residenzhalle geht, ist das die falsche Frage. Denn gängige Maßstäbe kann man weder an diesen Text noch an die Celler Inszenierung anlegen.
Ein junger Mann erzählt: „Es ging mir gut“, beginnt er seine Schilderung, die alsbald ins Bröckeln gerät. Erst ist Geld da, dann doch eher wenig bis keines. Zunächst scheint immer die Sonne, anschließend gibt es ein paar Eintrübungen, bis das Endresultat lautet: „Ich befand mich in dauernder ewiger schwarzer totaler Nacht.“ Und damit ist der Gipfel einer apokalyptischen Entwicklung noch keineswegs erreicht, die immer groteskere Züge annimmt.
Und wie bringt man das nun vor ein Publikum? Regisseur Ulrich Beckmann hat die Flucht nach vorne angetreten, indem er Darsteller Marcel Schälchli keine Möglichkeiten zum Verstecken gestattet: Es gibt nicht einmal eine Bühne im eigentlichen Sinn, und Requisiten muss Schälchli sich gleichsam selbst zusammenbasteln, ja, er ist sogar sein eigener Beleuchter.
Das mag simpel klingen, doch ist das Gegenteil der Fall. Viel anspruchsvollere Aufgaben sind im Theater nicht vorstellbar, und das Gelingen hängt oft von Kleinigkeiten ab. Die bei der Premiere mal besser und mal schlechter klappten.
Schälchli passt vom Typ her gut zum Erzähler: Der schlaksige Darsteller weiß das rechte Maß an Unbedarftheit einzubringen, gerade dadurch können die schrägeren Teile des Textes ihre volle Wirkung und im Extremfall sogar eine irre Komik entfalten. Zudem hat er Mut zur Pause und kann sich auf den Moment beziehen, wenn etwa ein Husten in den Zuschauerreihen mit einem schnellen Blick quittiert wird.
Gleichwohl hakt es hier und da. Bei seinen Bemühungen, die Geldproblematik zu schildern, verfällt Schälchli plötzlich in heftigen Aktionismus, tackert seltsame Diagramme auf einen Rollwagen. Bald darauf kommen Wasserflaschen zum Einsatz, der Darsteller wird klatschnass. Das grenzt dann doch ein wenig an Spielastik, zumal Wasserschlachten aller Art auf Theaterbühnen zuletzt Hochkonjunktur hatten, und die Gesamtwirkung des Abends wird uneinheitlich, weil die Handlungen nicht angemessen gewichtet sind.
Über weite Strecken transportiert Schälchli den Text mit der passenden Balance zwischen Dringlichkeit und Beiläufigkeit, vereinzelt neigt er zu Überbetonungen und vernuschelt auf der anderen Seite schon mal einen Halbsatz. Und wenn Spontanität zu sehr ausgestellt wird, wie das an ein, zwei Stellen geschieht, verliert sie ihren Sinn.
Der Schluss, der noch einmal eine Wendung mit sich bringt, kommt dann nach rund 50 Minuten recht abrupt. Doch bleibt die Vorstellung bei all diesen Kritikpunkten durchaus interessant, und der Mut zum Spiel ohne Netz und doppelten Boden verdient Respekt. Gut oder schlecht? Das ist immer noch die falsche Frage, zumal künftige Abende ganz anders verlaufen können als die Premiere, die eher höflich beklatscht wurde. Es wird spannend sein zu verfolgen, wie sich diese originelle Inszenierung im Laufe der Zeit entwickelt.
Jörg Worat, Cellesche Zeitung vom 28. November 2011
Interview mit Marcel Schälchli
In der neuesten Produktion des Schlosstheaters „Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends“ sehen wir Sie in der Rolle eines namenlosen Mannes, der sein Leben einer Art „Bestandsaufnahme“ unterzieht. PeterLicht, der Autor dieses sprachlich gewitzten Monologes, bewegt sich mit seiner Arbeit zwischen den Polen Poesie, Musik und Bildende Kunst. Spätestens seit seinem kopflosen Auftritt in der Harald Schmidt Show oder seinem Sieg beim Ingeborg-Bachmann-Preis in Klagenfurt im Jahr 2007 ist er einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Herr Schälchli, waren Ihnen die Werke dieses medienscheuen Ausnahmekünstlers bereits im Vorfeld bekannt?
Schälchli: Ich muss ganz ehrlich sagen, außer seines Musikhits “Sonnendeck”, mit dem er um die Jahrtausendwende die Charts eroberte, kannte ich keine weiteren Werke von ihm. Wenn ich nicht hier bin, bin ich auf´m Sonnendeck, bin ich, bin ich, bin ich, bin ich…
PeterLicht hat mit diesem Monolog einen Text aus der unmittelbaren Gegenwart geschaffen – skurril, um die Katastrophe kreisend, sich ständig selbst ins Wort fallend und korrigierend. Kaum hat er das Bild eines Sofas von hoher Qualität mit einem dementsprechend exzellenten Sitzkomfort in die Köpfe der Zuschauer gezaubert, zerstört er eben dieses mit einem Paukenschlag, der größer nicht sein könnte. Einen Schritt vor, zwei zurück – so könnte die ungeschriebene Formel dieser apokalyptischen Geschichte lauten. Wie nähert man sich als Schauspieler solch einem literarischen Konstrukt an?
Schälchli: Indem man versucht, die beschriebenen Bilder vor seine eigenen Augen zu bekommen. Trotz der Skurrilität des Textes galt es natürlich auch die Zusammenhänge und zeitlichen Sprünge genauer anzuschauen und rauszufinden, was wie wo und in welcher Absicht es miteinander verbunden ist.
Nach gut einer Stunde auf der Bühne, beenden Sie die Berg- und Talfahrt dieses modernen Märchens mit einer überraschenden Kehrtwende. Was ist Ihr persönliches Fazit? Und was nehmen die Besucher mit nach Hause?
Schälchli: Hm, gute Frage. Ich glaube, dass es wichtig ist, sich von starren Plänen zu lösen in dem Bewusstsein, dass irgendetwas immer unsere Ideen durchkreuzt, sie irritiert oder ad absurdum führt. Zumindest sollte man es versuchen, auch wenn es nicht einfach ist. Vielleicht sollte man aber auch die Erwartungen oder Hoffnungen, die man an sein Leben stellt oder knüpft, ein wenig runterschrauben. Naja obwohl… vielleicht sollte man dies auch nicht tun. Ich bin mir da nicht so sicher.
Was der Zuschauer mit nach Hause nimmt, nachdem er das erste Mal diesen Text gehört hat, würde mich auch sehr interessieren. Vielleicht den Appetit auf Frühstückseier, was ja schon mal ein guter Anfang wäre!
(Das Gespräch mit Marcel Schälchli führte die Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, Diana Chwalczyk)