Chronologie einer Liebesgeschichte
Schon kurios: „I Love You, You‘re Perfect, Now Change” ist mit genau 5003 Vorstellungen eines der erfolgreichsten Off-Broadway-Musicals aller Zeiten – und hierzulande weitgehend unbekannt. Auch Lars Wernecke und Ulrich Jokiel machen kein Hehl daraus, dass ihnen das Stück mit Texten von Joe DiPietro und Musik von Jimmy Roberts vordem nicht recht geläufig war. Das hat sich nun allerdings gründlich geändert: Als Regisseur und musikalischer Leiter werden die beiden das Musical am kommenden Freitag um 20 Uhr in der Residenzhalle zur Premiere bringen.
Inhaltlich geht’s um die Liebe und vor allem, wie der Titel bereits andeutet, um die damit verbundenen Schwierigkeiten. Eine klassische Geschichte wird hier nicht erzählt, doch folgen die 19 Episoden einer gewissen Chronologie, die beim ersten Date beginnt und über Themen wie Hochzeit und Kinder zuletzt bei der Liebe im Alter landet. Die Celler Inszenierung wird das volle Programm zeigen: „Wir haben nur ein paar Kleinigkeiten herausgenommen, die wohl eher für ein amerikanisches Publikum verständlich sind“, erläutert Wernecke. Der Abend ist sehr von der Musik bestimmt – „ich schätze, ungefähr drei Viertel“ – und er ist vor allem vergnüglich: „Ja, es geht in erster Linie um Spaß, bei dem der Besucher nicht zuletzt immer wieder den Spiegel vorgehalten bekommt“, meint der Regisseur. „Aber am Schluss kommt auch eine nachdenkliche Note ins Spiel.“
Die Akteure Gabriela Lindlova, Julia-Desirée Malkowski, Thomas Wenzel und William Danne teilen sich nicht weniger als 60 Rollen, ein durchaus traditioneller Ansatz, da auch die Uraufführung einst mit einem Quartett besetzt war. Praktischerweise hat Wernecke eine Rahmenhandlung erfunden: „Bei uns lassen sich die Vier über Nacht in einem Kaufhaus einschließen.“ Wo natürlich die jeweils erforderlichen Kostümteile mehr oder minder griffbereit zu bekommen sind.
Beim Lesen wirkt das Stück nicht immer sehr pointiert, vor allem die deutschen Songtexte scheinen manchmal arg stokelig. Wernecke räumt freimütig ein, dass es ihm selbst anfangs zumindest punktuell ähnlich erging: „Aber auf der Bühne ist dann doch alles ganz anders. Es gab sogar Szenen, bei denen ich zuerst gedacht habe ,Naja …’ und die jetzt zu meinen Favoriten gehören. Das Stück ist schon sehr gut gebaut.“
In die gleiche Kerbe schlägt Ulrich Jokiel, der mit seiner langjährigen Erfahrung im Kabarettbereich sicher beurteilen kann, wie Pointen gesetzt werden müssen: „Das Timing ist hier hervorragend.“ Jokiel hat das Stück musikalisch eingerichtet und wird live am Klavier begleiten, ohne sich allerdings, wie in anderen Produktionen geschehen, auch darstellerisch zu beteiligen: „Keine Angst, ich sage diesmal keinen einzigen Satz …“ Ihm zur Seite steht Peter Missler an verschiedenen Blasinstrumenten: „In der ursprünglichen Besetzung gibt es stattdessen eine Geige“, erläutert Jokiel. „Ich glaube, mit Sopransaxophon, Tenorsaxophon und Querflöte haben wir eine noch größere Bandbreite.“
Das musikalische Spektrum reicht von Pop über Tango bis Rock ’n’ Roll. „Es gibt sogar klezmerartige Anklänge“, sagt Jokiel, der zudem einen großen rhythmischen Abwechslungsreichtum in dem Material ausgemacht hat: „Das ist nicht immer nur Vierviertel, da kommt auch schon mal ein Fünfer- oder Sechsermetrum ins Spiel.“ Was ihn daran besonders freut: „Mitklatschen liegt dann wohl nicht mehr drin …“
Jörg Worat, Cellesche Zeitung vom 10. März 2012
Die Liebe und ihre Verwirrungen
Männer sind anders, Frauen auch – gleichwohl können diese so unterschiedlichen Kreaturen irgendwie nicht voneinander lassen. Der Off-Broadway-Hit mit Texten von Joe DiPietro und Musik von Jimmy Roberts spielt die Variationen der Liebe und ihrer Verwirrungen von der Jugend bis zum Alter durch.
Kontinuierlich festgelegte Figuren gibt es dabei nicht, die vier Akteure übernehmen insgesamt 60 Rollen. Praktisch, dass Regisseur Lars Wernecke das Geschehen in ein Kaufhaus verlegt hat, wo die jeweils benötigten Kleidungsstücke greifbar sind und ein Golfschläger schon mal schnell zum Krückstock mutieren kann.
Der Wiedererkennungseffekt dürfte in so mancher Szene hoch sein, und Übertreibung muss ja nicht schaden. Beim Flirten kann sich etwa herausstellen, dass die Interessengebiete doch recht unterschiedlich gelagert sind – das beweist hier ein Mann, der mit seinen Erörterungen aerodynamischer Ingenieurstechnik nicht wirklich das erotische Interesse der Gesprächspartnerin weckt. Auch die entzückten Eltern, die den Freund beharrlich mit Kinderfotos belästigen, können einem bekannt vorkommen. Ganz zu schweigen vom Vater, der sich nur noch in Babysprache zu artikulieren weiß und offenbar nicht auf die naheliegende Idee kommt, einfach mal normal zu reden.
Auch der Zeitgeist macht sich hier bemerkbar. Da ja heutzutage alle Menschen so irrsinnig beschäftigt sind, beschließt ein Paar, einige der üblichen Abläufe zu überspringen: den ersten Sex, den ersten Krach – bis man schließlich gleich die Trennung ins Auge fasst. Und in einer Video-Kontaktanzeige verrät eine alternde Frau mehr über sich, als sie vielleicht zunächst wollte, um dann aber zu dem Gesagten zu stehen. Eine der tiefgründigeren Nummern, die dieser Abend ebenfalls zu bieten hat.
Alle vier Akteure meistern die schnellen Abläufe ebenso wie die stimmlichen Anforderungen und haben ihre Sternminuten. Thomas Wenzel und Julia Malkowski spielen etwa im Sketch „Der Lasagne-Zwischenfall“ eine wunderschön missglückte Verabredung zu einem Date. Gabriela Lindlova und William Danne brillieren unter anderem bei der Gesangsnummer „Heulsuse“, in der ein Macho, zum Betrachten eines Frauenfilms genötigt, von Tränen übermannt wird. Danne hat vielleicht die meisten vergleichbar starken Momente, weil er die schwierige Kunst beherrscht, Klischees derartig krass zu bedienen, dass es schon wieder Spaß macht.
Nicht vergessen darf man bei alledem die Musiker Ulrich Jokiel (Klavier) und Peter Missler (Saxofon und Querflöte), gerade weil sie so unauffällig agieren und die Sache musikalisch im Fluss halten. Die stilistische Bandbreite ist übrigens groß; mal klingt’s fetzig, mal sanfter, und der eine oder andere Ohrwurm wird mitgeliefert.
Hier und da schwächelt der Abend auch ein wenig. Dann wird’s albern, zuweilen läppisch, und die Eindeutschungen der Songtexte holpern punktuell spürbar. Ein Sketch über die Möglichkeit, eine Versicherung gegen mangelnde Befriedigung beim Sex abzuschließen, lässt sich nett an, hat dann aber keine rechte Pointe.
Doch im Großen und Ganzen stimmt der Spannungsbogen – wer auf gediegene Unterhaltung erpicht ist und dabei eine Prise Nachdenklichkeit nicht verschmäht, dürfte hier an der richtigen Adresse sein.
Jörg Worat, Cellesche Zeitung vom 19. März 2012