Neues Jugend-Stück feiert Premiere
In „Lassmaziegeninselalta“ räumen Jugendliche mit Missverständnissen rund um Migration und Integration auf
Fünf junge Celler zeigen ab Freitag das neue Theaterstück des Celler Schlosstheaters. Auf junge, freche und dynamische Art und Weise werden die Themen Migration und Integration behandelt. Während der Proben machten die Schauspieler erstaunliche Entdeckungen.
CELLE. Man stelle sich fünf Jugendliche unterschiedlicher Herkunft vor. Die Liebe zum Parkour führt sie zusammen. Sie treffen sich bei einem Parkourgelände. Alle haben das gleiche Ziel: Hindernisse so schnell wie möglich zu überwinden. Sie sind gut im Sport. Die Jugendlichen stolpern nicht über Hürden, sondern über mangelnde Kenntnisse voneinander.
„Ich heiße Rizgan“, stellt sich ein Junge vor. „Kommst du aus der Türkei?“, fragt ihn ein Deutscher. „Nein, ich komme aus Deutschland. Meine Eltern kommen aus der Türkei, ich bin jesidischer Kurde“, antwortet Rizgan. „Verstehe ich nicht. Was bist du denn jetzt?“, möchte der deutsche Junge wissen. „Ich bin Deutscher“, sagt er plump. Missverständnisse entstehen, die Situation artet aus. Wird die Gruppe ihre Vorurteile überwinden können?
Das neue Stück des Celler Schlosstheaters behandelt die Themen Integration und Migration „auf junge, dynamische Art und Weise“, so Regisseur Karsten Zinser. Das Stück ist von und für Jugendliche. „Ich hatte anfangs keine fertige Idee, nur ein Grundkonzept. Den Rest haben wir zusammen erarbeitet“, berichtet Zinser. Der Titel war schnell klar. Doch wie der skurile Name des neuen Stücks entstanden ist, wird vorerst nicht verraten. „Das werden die Zuschauer dann noch erfahren“, fügt er lachend hinzu. Die Inszenierung ist an die Realität angelehnt und beruht auf Erfahrungen der Mitspieler. „Das Stück ist eine Art Collage aus Impressionen, welche das Leben aus verschiedenen Blickwinkel betrachtet“, erklärt Tobias Sosinka, Dramaturg am Schlosstheater Celle.
Es wirft viele Fragen auf. Wer bin ich? Was kommt jetzt? Wo geht mein Leben hin? Während der Proben fragten sich die Schauspieler, ob es überhaupt eine Rolle spielt, wo man herkommt, als was man sich bezeichnet. „Man hat sich ertappt und gemerkt, dass niemand vorurteilsfrei ist.„„ Aber das Stück räumt mit den Klischees und Missverständnissen auf“, sagt Noel Heine, Mitspieler des neuen Theaterprojekts. Offenheit gegenüber anderen Kulturen sei der richtige Ansatz im multikulturellen Deutschland.
Das Stück lebt von der Bewegung auf der Bühne. „Die viele Action und der Wortwitz machen dieses Projekt besonders“, sagt Louise Krüger. Sie spielt in dem Theaterstück die Anführerin der Parkour-Gruppe. Es ist sehr schnell und dynamisch. „Das neue Jugendprojekt hat von allem etwas. Es ist eine verdammt gute Mischung“, fügt Heine hinzu. Es sei tiefgründig, frech und gleichzeitig auch oberflächlich. Der Zuschauer müsse stets mitdenken, könne sich nicht gedanklich für ein paar Minuten ausklinken.
Lassmaziegeninselalta“ wurde von dem professionellem Regisseur Karsten Zinser betreut. Er arbeitet bei dem Stück mit Laien zusammen. Es ist eine Art „Bürgerbühne“. Solche Projekte geben jungen Cellern die Möglichkeit, sich auszudrücken und kennenzulernen. „Theaterspiel ist sehr vielfältig. Es ist alles möglich. Man kann alles rauslassen, was man sich sonst nicht traut“, sagt Sosinka. Durch Theaterspiel können Jugendliche lernen, wer sie sind, wofür sie stehen. Außerdem „können junge Schauspieler souveräner durch das Leben gehen“, fügt der Dramaturg hinzu. Sie sammeln Erfahrungen, von denen sie später nur profitieren können.
Das Quintett ist auf verschiedene Wege zum neuen Theaterprojekt gekommen. Doch alle sind sich einig: Theater spielen macht ihnen viel Freude. Vor jeder Probe trainierten die fünf zusammen Parkour. Sie kämpften sich zusammen durch. So etwas schweißt eine Gruppe zusammen. Das Celler Jugendtheater bietet ihnen eine hervorragende Möglichkeit, sich auszudrücken. „Das Schöne dabei ist, dass wir außerhalb des Schultheaters Erfahrungen im schauspielerischen Bereich sammeln können“, sagt Heine. Der Abiturient hat schon bei dem vorherigen Jugendtheaterprojekt „Logout“ mitgewirkt. „Ich glaube, dass es für die Zuschauer interessant ist, junge Themen von jungen Leuten präsentiert zu bekommen“, so der 18-Jährige weiter.
Ab dem 22.September ist der Jugendclub offen für alle Jugendlichen ab 14. Einmal wöchentlich üben die Teilnehmer zwei Stunden lang mit Profis vom Schlosstheater Celle ein neues Stück ein. Es handelt im Groben von „Krieg und Frieden“. „Jeder ist herzlich eingeladen, mitzumachen. Bis Anfang Oktober können junge Leute noch einsteigen“, erklärt Tobias Sosinka.
Die Premiere des aktuellen Jugendtheaterstücks findet am 23. September um 20 Uhr in der kleinen Residenzhalle statt. Weitere Termine sind unter www.schlosstheater-celle.de zu finden.
CZ, 21.09.2011
Autor: Trisha Jürgens, am: 20.09.2011
Erfolgreiche Premiere von Lassmaziegeninselalta
Hindernisse sind da, um sie zu überwinden. Das gilt sowohl für tatsächliche Hürden im sportlichen Sinn als auch für Widerstände und Barrieren im täglichen Leben. Sechs jugendliche Darsteller des Celler Schlosstheaters zwischen 16 und 21 Jahren haben gemeinsam mit Regisseur Karsten Zinser ihr Jugendstück „Lassmaziegeninselalta“ entwickelt und nehmen damit ganz bewusst auf jenes kleine Stückchen Land in der Aller Bezug, auf dem sich Jugendliche wie einst ihre Eltern treffen, baden, chillen und abhängen. Und manchmal wird sich da wohl auch geprügelt. In der bis auf den letzten Platz ausverkauften Kleinen Residenzhalle hatte das Stück jetzt seine vom vorwiegend jungen Publikum mit viel Beifall aufgenommene Premiere.
Große und kleine Blöcke, Geländer, Stufen und ein schräger, drehbarer Plattenteller in der Mitte (Bühnenbild Karsten Zinser und Corinna Mehl) sorgen für genügend sportliche Herausforderungen. Parkour nennt man den neuen Sport, in dem es gilt, ohne Umwege und möglichst schnell von einem Ort zum anderen zu kommen. Die gemeinsame Leistung schweißt zusammen, auch wenn Jaqueline (Svea Bloom) leistungsschwächer und ängstlicher ist als der selbstbewusste Mücke (Noel Heine) oder gar die deutsch-englische Lulu (Louise Sophia Krüger). Beim Warm-Up versteht man sich, auch wenn man sich mal kritisiert. Schwieriger wird es, wenn es um persönliche Befindlichkeiten und um die kulturelle Herkunft geht. „Manchmal fühle ich mich fremd“, sagt Rizzi (Rizgan Berse), der kurdischer Abstammung ist und sich als Deutscher so ganz unverstanden fühlt. Nicht anders ergeht es Fleck (Felek Güler), wenn sie mit ihrer Erziehung in Hinsicht auf das Verhältnis zu Jungen in Konflikt gerät und ihr fremde Verhaltensweisen übergestülpt werden sollen. Mangelnde Kenntnisse in Jauch’schen Quizfragen zur Geschichte werden schnell deutlich; im mitmenschlichen Bereich zwischen Kulturen ist das schon schwieriger.
Hier liegt der Kern des in kurze Sequenzen aufgeteilten Stücks. Um Identität geht es, um Zusammenhalt in der Gruppe und um persönliche Empfindlichkeiten, um Migrationshintergründe, um Ansprüche und um Vorurteile. Das alles hat Schwung und sprachliches Tempo im Jugendslang, und reißt durch seine collagenhafte Aufteilung mit, ohne Langeweile aufkommen zu lassen. Textsicher und selbstverständlich in der Gestik erweisen sich die jugendlichen Darsteller als gut eingespieltes Ensemble, das auch dann glaubwürdig bleibt, wenn es dem Stück an inhaltlicher Tiefe und bisweilen an Sprachdeutlichkeit mangelt. Aber auch hier gilt – die kleine Handpuppe am Schluss, geführt von Henriette Schrader, deutet es an – das oft strapazierte Wort von der Toleranz. Das jugendliche Publikum hatte damit keine Probleme.
Cellesche Zeitung vom 26.09.2011
Autor Hartmut Jakubowsky