Dave bewacht Kunstwerk im Museum
Nein, ein Kunstsachverständiger ist Dave wirklich nicht. Dass es als Aufsicht im Museum gelandet ist, liegt daran, dass sein vorheriger Job als Türsteher schlicht zu gefährlich wurde. Nun erzählt uns Dave von seiner Begegnung mit „NippleJesus“ -so heißt eine Geschichte von Nick Hornby, die das Schlosstheater zur Premiere brachte.
So viel vorab: Diese Aufführung ist sehenswert. Sie hat sogar das Zeug zum Publikumsrenner und könnte durchaus hannoversche Verhältnisse heraufbeschwören – am dortigen Staatstheater läuft das Stück seit Jahren mit großem Erfolg. Der Text ist ebenso amüsant wie klug, und die Celler Inszenierung bringt diese Stärken klar zum Vorschein. Kritisieren kann man sie in der einen oder anderen Hinsicht trotzdem.
„NippleJesus“ ist ein Kunstwerk, das Dave bei seinem Amtsantritt bewachen soll: eine große Christusfigur, zusammengesetzt aus unzähligen Minifotos von Brustwarzen. Dave zeigt sich zugleich fasziniert und angewidert, kann die Gedanken nicht mehr von der fremdartigen Darstellung lösen und beginnt sie alsbald vehement gegen kritische Museumsbesucher zu verteidigen. Allerdings verwirren ihn die Begegnungen mit der Künstlerin, die schließlich eine überraschende Pointe auf Lager hat…
All das erzählt uns der frischgebackene Museumswärter im Rückblick, ist dabei sehr komisch und wirft doch eine elementare Frage auf: Sollen Kunstwerke nur einem elitären Publikum etwas sagen oder auch den Daves dieser Erde? Autor Hornby hat seinen Text sehr schön ausbalanciert, übrigens mit einigen Anspielungen auf real existierende Kunst wie Damien Hirsts Tierkadaver-Arbeiten.
Das Regisseur Daniel Zaman aus der Vorlage macht, ist nur bedingt eine Inszenierung im theatralem Sinn. Die Sprache lässt er im Wesentlichen fließen, und Darsteller Daniel Brockhaus verweilt die meiste Zeit an ein und demselben Fleck. Solcher Zugriff ist zwar wenig dramatisch, hat aber seine Berechtigung: Dieser Text würde jedenfalls keine exzentrische Artikulation oder Action vertragen. Zaman, selbst auch bildender Künstler, hat einige Arbeiten, die teils im Vorfeld der Aufführung entstanden sind, in die Bühnensituation integriert. Ein recht pathetisches Video zeigt einen Mann, der sich geißelt und dabei wie ein Mantra „Kunst ist Sünde“ rezitiert – er wird weitestgehend stumm geschaltet. Dann gibt es ein Beuys-Zitat-Objekt und schließlich eine „Peep-Show“ in Form eines Gartenzwergs, der mit einem Bewegungsmelder ausgestattet ist und Pfeiftöne ausstößt.
Man mag darüber streiten, ob all das wirklich eine Bereicherung darstellt oder ob das gehobene Museumsambiente nicht ausgereicht hätte. Der nur sporadisch, dann aber gern sehr beharrlich flötende Zwerg erweist sich jedenfalls als problematisch. Dass er Dave wirklich nicht in Ruhe lässt, kann man mit etwas gutem Willen inhaltlich unterfüttern – schließlich geht es um Konfrontation mit Kunst – doch ist das Piepsen offenbar nicht immer genau zu kontrollieren und bringt den Darsteller punktuell ein wenig ins Schleudern.
Das stört zwar nicht entscheidend, etwas mehr Feinschliff wäre hier aber wünschenswert. Daniel Brockhaus ist dessen ungeachtet mich sichtbarem Spaß und pointensicher bei der Sache, lässt seinen Dave zwar unbedarft, aber letztlich sympathisch erscheinen und macht ihn vor allem niemals lächerlich. Sehr stimmig – wer unbedingt nach Mängeln sucht, mag den einen oder anderen kleine Nuschler bekritteln, während der Darsteller die letzten Sätze etwas überakzentuiert. Nach ziemlich genau einer Stunde ist Schliss, und ein verdienter Monsterapplaus erklingt.
Jörg Worat, Cellesche Zeitung vom 02.05.2011
Geist wieder aufleben lassen
Um die Auseinandersetzung mit moderner Kunst geht es in dem Einpersonenstück „NippleJesus“ des britischen Kultautors Nick Hornby. In der vergangenen Spielzeit stand es in der Inszenierung von Daniel Zaman auf dem Spielplan des Schlosstheaters und war ständig ausverkauft. Jetzt gibt es eine Wiederaufnahme in der Zeit vom 26. bis zum 28. Januar und vom 2. bis 4. Februar.
Aufführungsort ist das Celler Kunstmuseum.
Dave, mit Kunst noch nie in Kontakt gekommen und bisher Türsteher in einem Nachtclub, hat die Aufgabe übernommen, in einem Museum ein provokantes Kunstwerk zu bewachen. „Kunst aufzunehmen, Glücksmomente damit zu genießen und sie in einen Kontext zu stellen, hat er nie gelernt“, sagt Alleindarsteller Daniel Brockhaus, der schon im Elternhaus mit moderner Kunst und regelmäßigen Museumsbesuchen konfrontiert worden ist. Kein Wunder also, dass er das Spiel außerhalb des Theaters als Herausforderung empfindet. „Das Theater und die Bühne bieten einen geschützten Raum und das Publikum ist abgekoppelt“, sagt Brockhaus, „Hier im Museum wächst man zusammen. Das macht die Sache schwierig, aber auch reizvoll.“ Erfahrungen, die auch Museumsleiter Robert Simon gemacht hat. „Mich beschäftigen die Grenzgänge zwischen Musik und Theater, zwischen bildender Kunst und sogar Mode, seit ich dieses Museum leite“, sagt er, „deshalb habe ich mich sehr gefreut, dass die direkte Zusammenarbeit mit dem Schlosstheater zustande gekommen ist.“ Seine Stellvertreterin, Martina Löhle, ergänzt: „Ich war schon überrascht, als die Theatertruppe für ein Einpersonenstück im letzten Jahr mit 15 Leuten hier ankam, aber es war ein schöner Moment.“ Von der Zusammenarbeit restlos begeistert ist auch Dramaturgin Carola von Gradulewski. So sei schon beim Umzug in die Residenzhalle die Frage aufgekommen, wo man sonst noch Theater spielen könne, denn verschiedene Künste miteinander in Beziehung zu setzen, sei ja immer besonders spannend. Mit Daniel Zaman habe man darüber hinaus einen Regisseur gefunden,der nicht nur über Theatererfahrung verfüge, sondern gleichzeitig auch bildender Künstler sei. „Daniel Zaman hat immer sofort gemerkt, ob ich ihm etwas vorspiele oder ob ich glaubhaft war“, erinnert sich Daniel Brockhaus an die Proben in der vergangenen Spielzeit. Jetzt käme es darauf an, den Geist der Inszenierung wieder aufl eben zu lassen. „Allerdings“, fügt er hinzu, „wenn es sich gesetzt hat, kann es vielleicht sogar besser werden.“ Wie viel Text man sich merken kann und wie schnell er wieder parat ist, findet Brockhaus selbst erstaunlich. „Ich lerne Texte zu Hause an und vertiefe sie
dann bei Spaziergängen im Wald.“
Keinen Zweifel hat man, wenn Brockhaus versichert, dass er sich auf die sechs neuen Aufführungen freue: „Es gibt immer Arbeiten, die einem besonders am Herzen liegen und ‚Nipple-Jesus‘ gehört auf jeden Fall dazu.“ Grund zur Freude hat aber auch das Publikum: An jeder Eintrittskarte hängt eine Freikarte für eine sonntägliche Führung durch das Kunstmuseum.
Hartmut Jakubowsky, Cellesche Zeitung vom 21. Januar 2012